Von Ann-Kathrin Raile - Tierärztin und Hundetrainerin mit dem Schwerpunkt Verhaltehstherapie für Probleme beim Autofahren
Wenn Hunde Probleme beim Autofahren haben, fehlt es selten an Ratschlägen: „Einfach öfter fahren“, „lenk ihn ab“, „setz dich mit ihm ins Auto und lies ein Buch“, „das wird schon, wenn du sicherer wirst“ – gut gemeint, oft schnell ausgesprochen und meist getragen von dem Wunsch, zu helfen.
Und trotzdem haben wir bei unserer Arbeit mit inzwischen über 1000 Hunde-Mensch-Teams mit Problemen beim Autofahren immer wieder dasselbe Bild gesehen:
Viele Teams kommen zu uns, nachdem sie extrem viel ausprobiert haben. Mit wachsender Verzweiflung. Mit dem Gefühl, alles versucht zu haben – und irgendwann mit der Überzeugung, dass man „wohl nichts mehr machen kann“.
Dieser Artikel soll erklären, warum gut gemeinte Ratschläge beim Autotraining so häufig scheitern – und warum das nicht an fehlender Motivation, fehlender Konsequenz oder mangelndem Willen liegt.
Nicht jeder Ratschlag ist gleich problematisch
Zunächst ist es wichtig zu unterscheiden:
Es gibt Ratschläge, die fachlich nicht tragfähig sind – und solche, die für sich genommen nicht falsch wirken, aber im Kontext Autotraining nicht zielführend sind.
Zu den fachlich problematischen Ratschlägen zählen unter anderem:
- „Einfach fahren, der Hund gewöhnt sich schon“
- Ignorieren von Stressreaktionen
- Strafen bei Lautäußerungen oder Unruhe
- Druck, Zwang oder Dominanzkonzepte („zeig ihm, wer der Chef ist“)
Diese Ansätze müssen nicht weiter diskutiert werden – sie sind weder fachlich haltbar noch fair gegenüber dem Hund.
Daneben gibt es jedoch eine große Gruppe von Ratschlägen, die nicht per se böse oder gefährlich wirken, aber trotzdem scheitern. Dazu gehören zum Beispiel:
- sich lange mit dem Hund ins Auto zu setzen
- Futter, Schleckmatten oder Beschäftigung im Auto
- einfache Positions- oder Settingswechsel im Fahrzeug
- Box abdecken
- zu „schönen Orten“ fahren
Solche Vorschläge sind oft gut gemeint. Sie wirken ruhig, harmlos und nachvollziehbar. Doch trotzdem führen sie in der Praxis selten zu einer nachhaltigen Veränderung.
Warum „gut gemeint“ nicht automatisch hilfreich ist
Ein zentrales Problem liegt darin, dass Autotraining massiv unterschätzt wird.
Autofahrprobleme sind kein isoliertes Verhalten, das man mit einer einzelnen Maßnahme beeinflussen kann. Sie betreffen:
- körperliche Reaktionen
- emotionale Prozesse
- Lernmechanismen
- Stressverarbeitung
- und die individuelle Belastungsgeschichte des Hundes
- Rassespezifische bzw. genetische Einflüsse
- Sonstige kontextbezogene Probleme
- Körperliche Grundverfassung
Gleichzeitig handelt es sich nicht um einen kurzen Trainingsmoment, sondern um einen langfristigen Prozess, der über Monate geht.
Viele gut gemeinte Ratschläge scheitern, weil sie diese Komplexität nicht abbilden - die Lösungsansätze wird der Komplexizität des Problems nicht gerecht.
Ein Beispiel:
Zu einem schönen Ort zu fahren, mag auf den ersten Blick logisch wirken. Wenn der Hund jedoch auf dem Weg dorthin starken Stress, Angst oder Übelkeit erlebt, steht diese Belastung in keinem Verhältnis zu dem positiven Erlebnis danach. Lernen funktioniert nicht nach dem Prinzip „erst lange aushalten, dann belohnen“.
Fehlende Einordnung durch fehlende Erfahrung
Ein weiterer Punkt, den wir regelmäßig sehen:
Menschen ohne spezifische Erfahrung im Autotraining können Prozesse schwer einordnen.
Einzelne Trainingsmomente werden überbewertet oder falsch interpretiert. Fortschritte werden angenommen, wo keine sind – oder Probleme übersehen, weil sie nicht offensichtlich wirken. Hinzu kommt, dass Transferleistungen häufig nicht korrekt erfolgen: Was in einem Kontext scheinbar funktioniert, wird unreflektiert auf andere Situationen übertragen. Oder man betrachtet einen Aspekt und lässt andere Aspekte unberücksichtiget, die im Zusamenspiel aber stärker wirken.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Realität komplexer Lernprozesse. Und diese muss man sich bewusst machen.
Autotraining verlangt eine andere Art der Bewertung als klassisches Hundetraining. Es geht nicht um „Sitz klappt / klappt nicht“, sondern um Zustände, Belastungsgrenzen und feine Veränderungen, die sich nicht immer klar zeigen. Und immer wieder auch um Körperliche Anteile, selbt um solche, die bisher unsichtbar waren. Wir haben beispielsweise immer wieder Hunde im Trainig die chronische Schmerzen haben, im normalen Alltag damit jedoch nicht aufgefallen sind.
Autotraining ist emotional belastend – für Hund und Mensch
Ein Aspekt, der ebenfalls oft unterschätzt wird:
Beim Autotraining geht es nicht nur alleine um die Grenzen der Hunde, sondern auch an die der Menschen.
Es ist emotional herausfordernd, einen Hund zu begleiten, der Angst, Stress und evtl. körperliches Unwohlsein zeigt. Es erfordert Klarheit, Struktur, Standing – und gleichzeitig emotionale Präsenz und Auffangfähigkeit. Wir haben immer wieder Menschen die wirklich aufgelöst sind, weil sie die Spannung zwischen Rücksichtsnahme und eigener Bedürfnisserfüllung oder auftretendes Hinderissen schwer aushalten können. Das muss aufgefangen werden. Mit Verständnis und Empathie, aber auch mit der Fähigkeit zur fachlichen Einordnung in de Gesamttrainingsprozess.
Gut gemeinte Ratschläge greifen hier oft zu kurz, weil sie diese Dynamik nicht berücksichtigen. Autotraining ist kein Technikproblem, sondern ein Prozess, der enge Begleitung braucht.
Darrüber hinaus entsteht oft eins: Menschen bekommen erst "nicht zielführende Ratschlage" und wenn diese dann auch tatsächlich nicht ziefführend waren, bekommen sie ein schlechtes gewissen und geben sich selbt die Schuld. Entweder fürs Scheitern oder weil sie die Tipps überhaupt umgesetzt haben, falls diese mit einem erhöhten Leidensdruck für den Hund einher gegangen sind.
Wenn Wissen allein nicht reicht
Selbst fachlich korrekte Informationen helfen nicht automatisch weiter, wenn sie nicht richtig umgesetzt werden. Und bei der Umsetzung kommt es auf sehr feine Details an, die man oftmals überhaut nicht wissen kann.
Autotraining erfordert:
- medizinisches Verständnis
- Wissen über Lernprozesse
- die Fähigkeit, beides miteinander zu verbinden
- und die Kompetenz, dieses Wissen sauber in den Alltag und das Training zu übersetzen
Genau hier scheitert es häufig – nicht weil man nicht will, sondern weil der Transfer nicht sauber gelingt oder relevante Aspekte unberücksichtigt bleiben.
Hinzu kommt, dass körperliche Faktoren sich jederzeit in den Prozess einmischen können. Wer Autotraining begleitet, muss diese Ebene mitdenken können. Reines Trainingswissen reicht dafür nicht aus.
Wenn zu viele Ratschläge mehr Schaden als Nutzen bringen
Viele der Teams, die zu uns kommen, haben bereits unzählige Wege hinter sich. Sie haben ausprobiert, umgesetzt, gehofft – und irgendwann resigniert. Teilweise nach Jahren.
Das Tragische daran ist:
Nicht nur der Hund leidet unter fehlgeleiteten Ansätzen, sondern auch der Mensch. Denn wenn nach vielen Versuchen keine Verbesserung eintritt, entsteht schnell der Eindruck, dass „man nichts machen kann“. Man gibt dem Hund die Schuld "mein Hund kann das nicht lernen", sich selbst "ich kann das nicht, ich bin nicht gut genug" oder dem Thema "das kann man nicht trainieren".
Dabei wurde oft nie fachlich fundiert, strukturiert und unter Berücksichtigung der tatsächlichen Komplexität gearbeitet. Viele fragen uns dann was wir anders machen und erwarten einen neuen Weg, den sie noch nicht probiert haben. Doch es liegt nicht nur am WAS, sondern auch am WIE und an den feinen Details in der praktischen Umsetung und an der Möglichket verscheidene Ebenen gleichzeitig zu berücksichtigen. Es ist der Unterschied zwischen Generalisten und Spezialisten.
Warum wir an Spezialisierung glauben
Es braucht Generalisten! Sie sind wichtig und sie leisten wertvolle Arbeit.
Aber es braucht ebenso Spezialisten – gerade bei Themen wie Autotraining.
Autofahren ist oft ein Randthema. Dabei ist es hochkomplex, emotional aufgeladen und körperlich relevant. Aus unserer Sicht macht Spezialisierung hier den entscheidenden Unterschied: durch Erfahrung, durch Struktur, durch Einordnung und durch die Fähigkeit, Prozesse über lange Zeiträume zu begleiten. Und durch fachliche tiefe und genauogkeit in der Umsetzung.
Deshalb arbeiten wir nicht mit schnellen Tipps, sondern mit Analyse und Präzision. Nicht mit narrativen Konzepten, sondern mit Fakten. Und wir bleiben bewusst auf einer beschreibenden Ebene, statt vorschnell zu interpretieren.
Eigentlich arbeiten wir hauptsächlich mit privaten Hundehalter:innen, dennoch betreuen wir regelmäßig aber auch Hundetrainer oder Tierärzte mit ihren privaten Hunden. Ich denke dieser Umstand zeigt bereits, wie speziell das Thema ist.
Fazit
Gut gemeinte Ratschläge scheitern beim Autotraining oft.
Sie scheitern, weil sie der Komplexität des Themas nicht gerecht werden.
Autotraining ist kein Sprint. Es ist ein Marathon.
Und wer wirklich helfen will, braucht mehr als gute Absichten – er braucht Einordnung, sauberen Transfer, Erfahrung und fachliche Tiefe.
Einordnung statt schneller Lösungen
Wenn du dich weiter mit dem Thema Autotraining beschäftigen möchtest, empfehlen wir dir, dir zunächst Zeit für Einordnung und Verständnis zu nehmen.
In unserem Podcast „Autofahren mit Hund“ beleuchten wir seit über 70 Folgen genau diese Zusammenhänge:
Wir ordnen Autofahrprobleme aus verschiedenen Perspektiven ein, erklären Hintergründe und zeigen, warum einfache Lösungen bei einem so komplexen Thema oft zu kurz greifen. Ganz bewusst geben wir dort keine oberflächlichen Trainingstipps, sondern helfen dabei, Situationen besser zu verstehen.
Auch in unserem Blog findest du weitere Beiträge, die typische Denkfehler aufgreifen, Zusammenhänge erklären und Orientierung bieten – ohne Druck und ohne Erwartungen.
Wenn du merkst, dass du für dein eigenes Autotraining Unterstützung brauchst und dir eine fachlich fundierte Begleitung wünschst, kannst du dich jederzeit an uns wenden. In einem kostenfreien Kennenlerngespräch informieren wir über den Ablauf, die Struktur und die Voraussetzungen einer Zusammenarbeit bei uns.
Wir empfehlen jedoch ausdrücklich, dich vorab mit unseren Inhalten vertraut zu machen – über den Blog, den Podcast oder auch über unseren Instagram-Kanal. So kannst du in Ruhe prüfen, ob unsere Arbeitsweise und Haltung zu dir und deinem Hund passen.
Veränderung beginnt nicht mit Abwarten, sondern mit dem Mut, eine Entscheidung zu treffen.






